Preisträger 2005
Gerhard Stadelmaier
Auszug aus der Laudatio
„Und dann gibt es Besessene, Menschen von nachgerade einäugiger
Leidenschaft, die uns einbläuen, dass diese verfreizeitelte, scheinbar auf
Supermarktgröße geschrumpfte Welt in Wirklichkeit überlebensgroß ist und
drall, schauerlich schön und wunderbar schrecklich. Solch ein Besessener
ist der Theaterkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Gerhard
Stadelmaier. Vor allem schreibt dieser Besessene über das Theater, weil er
es liebt. Weil er weiß, dass es keine Zutat in unserer Gesellschaft ist,
sondern ein Lebensmittel. Wer so frisch und handfest urteilt, mit
deftigen Worten, dem könnte man manches Klischee anhängen, etwa jenes,
dass seine Sprache barock sei und er sich folgerichtig nicht fürchte, vor
dem schillernden, lautmalenden, ausmalenden Adjektiv. Das wäre irgendwie
wahr und träfe es dennoch nicht, denn letztlich und genau besehen wird Stadelmaiers Sprache von einer Haltung getragen, dem Gestus des
abgeklärten Humoristen, der sich an schlechten Tagen in einen in die
Menschen verliebten Pessimisten verwandelt.
Und wenn wir schon von der Sprache reden, schauen wir doch einmal auf die
Neigung Stadelmaiers zum Paradoxen, auf seine Freude am Aufscheinen einer
sich ironisierenden Gegenwelt. Wer es elegant liebt, wird auch bedient.
Die „Totentanz“-Kritik endet mit drei Sätzen: „Dann fällt der Vorhang.
Zadek verbeugt sich. Leider nicht vor Strindberg“. Sie merken schon,
meine Damen und Herren, die Kritiken des FAZ-Mannes sind nicht nur
scharfsinnig und klug, sie sind – und dies gewiss nicht zuletzt – ein
Lesevergnügen.“